ICSI Behandlung Erfahrungsbericht

In diesem Artikel findest du:

  • Diagnose
  • Beratungstermin
  • Familie & Freunde – wer weiß Bescheid?
  • Schmerzen, Komplikationen & Rückschlag
  • Das Wunder
ICSI Erfahrungsbericht

Diagnose

„Sie können auf natürlichen Weg keine Kinder bekommen“ …wuuummmms – mitten ins Herz.

Und ich falle….ich falle nicht wie im freien Fall bei einem Fallschirmsprung – ich falle einfach ins Bodenlose. Ich versuche mich unter Kontrolle zu halten und schaue zu meinem Mann rüber…

Als wir das Behandlungszimmer unserer Ärztin betreten, sehe ich es ihr bereits an, dass jetzt was kommen muss und ich versuche mich darauf gefasst zu machen, dass sie gleich irgendetwas zu mir sagen wird.

Wir setzen uns hin und sie guckt mich an, sie begrüßt uns und dann setzt sie ein ernstes Gesicht auf und schaut zu meinem Mann …zu meinem Mann – denn es ist nicht meine Diagnose, sondern seine.

Diagnose: Kryptozoospermie, männliche Unfruchtbarkeit

Ich muss schlucken, versuche meine Gefühle zu beherrschen & schaue zu meinem Mann und weiß, dass es ihm genauso geht. Ich sehe, wie er versucht, die Fassung zu wahren.

Ich versuche mich auf das zu konzentrieren, was sie sagt: Einfach ausgedrückt verstehe ich in diesem Moment, dass es unmöglich ist, dass wir auf natürlichem Weg schwanger werden, dass ein paar wenige Spermien da sind, die Konzentration und die Anzahl aber nicht im Geringsten dafür ausreichen, dass es quasi kurz vor „nichts mehr da“ ist.

Den Rest höre ich der Ärztin gar nicht mehr zu. Mein Gehirn rattert. Das kann doch nicht wahr sein, ich bekomme keine Luft. Draußen vor der Klinik, dann Tränen von uns beiden.

Es war klar, dass wir hier eine Diagnose erhalten werden, aber auf die Gefühlsachterbahn der kommenden Monate, waren wir nicht vorbereitet…..

Seitdem stehen wir noch enger, noch geschlossener beieinander. Keine Schuld, nur wir beide. Lassen kaum andere Gedanken zu und sind fokussiert auf unseren gemeinsamen Wunsch – alle Möglichkeiten auszuschöpfen.

Tränen von mir, weil ich mit der Situation und der Aufopferung überfordert bin & so viel Stärke von meinem Mann, der mir zeigt, wie ich aus Situationen, die mich lähmen, Kraft schöpfen kann. Die Gefühlsachterbahnen in solchen Situationen, zwischen Hoffnung und Enttäuschung liegen so nah beieinander, dass ich erst lernen musste, damit umzugehen & ich tu’ es immer noch – jeden Tag. Woher die innere Stärke nehmen? Wie kann ich mich von meinen Gefühlen nicht überwältigen lassen? Das habe ich mich anfangs immer gefragt. Eine Situation zu akzeptieren und trotzdem nach vorn zu schauen – erst jetzt lerne ich, wie viel Kraft das in Wirklichkeit erfordert.
Doch was bedeutet das nun genau für uns?

Beratungstermin

Wir versuchen bereits seit Jahren Kinder zu bekommen. Wir möchten alle Möglichkeiten ausschöpfen und den Weg gehen. Naiv und hoffnungsvoll denke ich damals bei mir: „Okay, Spermien sind da – ich bin gesund, das muss klappen“

Sie erklärt uns, dass für uns die ICSI-Therapie infrage kommt. Bei der Therapie wird ein einzelnes Spermium direkt in das Innere einer entnommenen Eizelle gespritzt. Damit möglichst viele (aber eben auch nicht zu viele) Eizellen gewonnen werden können, spritzt sich die Frau Hormone, verzögert ihren natürlichen Eisprung und löst diesen dann ebenfalls mit einer Spritze aus. Für mich kommt ein bestimmter „Cocktail“ infrage. Spritzen, die fertig sind und manches muss ich mir wohl selbst mischen.

Als sie uns die Kosten erklärt, ist es ein bisschen so, als würde man aus einem Menü auswählen. Lassen wir die Eizellen/Spermien einen Tag länger kultivieren, möchten wir noch einen gesonderten Test bei mir durchführen, möchten wir ein Assisted Hatching etc….die Kosten für eine Behandlung summieren sich auf mehrere Tausend Euro pro Behandlung & natürlich möchte man alles.

Punkt Kostenübernahme & Kostenerleichterung. Ganz einfach: Wir sollen heiraten. Die Krankenkassen übernehmen bei verheirateten Paaren die Hälfte der Kosten und in Brandenburg gibt es eine kleine Förderung, die beantragt werden kann.

Als wir die Klinik verlassen, ist die Entscheidung gefallen. Natürlich heiraten wir. Und ja – ich habe ein riesengroßes Problem mit der ganzen Sache. Rein emotional bedeutet eine Heirat für mich sehr viel und auch ich hatte diese romantische Vorstellung in meinem Kopf.

Später überlegen wir, ob wir die Hochzeit feiern möchten, entscheiden uns aber in diesem Moment dagegen. Wir möchten aus Liebe heiraten und für unser Kind, dennoch ist der Zeitpunkt erzwungen. Wir entschließen uns nur standesamtlich zu heiraten, eine Feier mit Freunden & Familie unabhängig vom Kinderwunsch nachzuholen.

Dies ist übrigens auch der Zeitpunkt, bei dem wir anfangen, das Thema bei unserer Familie und auch bei Freunden zu platzieren. 

Familie & Freunde – wer weiß Bescheid?

Im Austausch höre ich immer wieder, dass die große Frage im Raum steht: Erzählen oder nicht erzählen? Wie überall im Leben gibt es natürlich nicht DIE Antwort. Ich möchte euch aber gern von unseren Erfahrungen berichten.
Tatsächlich haben wir uns relativ schnell dazu entschieden, darüber zu sprechen. Damals dachte ich mir, dass ich mir damit Raum schaffen kann. Ich wollte keine Fragen mehr hören a la „wann ist es bei euch so weit?“ (ich finde auch generell, dass solche Fragen in die Privatsphäre eingreifen).

Wir haben es als Erstes meinen Eltern erzählt, die mit so viel Empathie, Wärme und auch Tränen reagiert haben. Die Zeit, in welcher wir in Behandlung waren, ist das Verhältnis zu meinen Eltern unglaublich stark geworden. Rückwirkend denke ich, dass es daran lag, dass meine Mama vieles rational sieht. Sie ist nicht so ein gefühlsduseliger Mensch wie ich. Wenn etwas nicht klappt oder schwierig ist, dann betrachtet sie es und gibt eine lösungsorientierte Meinung. Das hat mich manchmal vor den Kopf gestoßen, aber in unglaublich vielen Situationen sehr geholfen. Allein, weil ich in der Gesamtsituation emotional schon sehr belastet war.

Vom Rest kann ich leider nichts Positives berichten 🙄
Ich habe zum 1. Mal gespürt, dass sich Menschen eher zurückziehen, wenn sie spüren, dass sich jemand in einer sehr schwierigen Situation befindet. Viele wussten nicht mit dem Thema umzugehen, haben einen Eiertanz um uns aufgeführt und uns eher ausgeschlossen. Andere haben gar keine Rücksicht genommen und weiter fröhliche Babyfotos in Familiengruppen gepostet.
Vieles hat mich damals sehr verletzt und ich habe zu ein paar Menschen eine Distanz aufgebaut – zu anderen aber wiederum ist das Verhältnis sehr eng geworden.

Deswegen ist mein Tipp an euch: Wenn es euch hilft und es sich richtig anfühlt, dann sprecht darüber, aber gebt der Person mit auf den Weg, was ihr von ihr erwartet. Erwartet ihr einen Austausch, dass die Person für euch da ist oder wie soll sie genau Rücksicht nehmen?

Wir haben damals sehr viel in unserem Freundes- und Familienkreis aufgeklärt und in Gesprächen haben wir oft gehört, dass sich Personen nicht mehr gemeldet haben „weil sie nicht wussten, was sie sagen sollen“ – „weil sie uns in Ruhe lassen wollten und wir uns ganz auf uns konzentrieren sollten“ …..

Schmerzen, Komplikation & Rückschlag 

In den ICSI-Behandlungen hatte ich u. a. zwei sehr heftige Komplikationen.

Bei der 1. Behandlung hatte ich nach der Entnahme eine unglaublich starke Überstimulation. In meinem Körper waren viel zu viele Eizellen. Es wurden 21 (!) Eizellen entnommen. Ich hatte so viel Wasser im Bauch und so starke Schmerzen, dass ich mich danach Zuhause nicht Bewegen und nicht mehr Atmen konnte. Mein Mann musste einen Notarzt rufen und ich wurde daraufhin für Tage ins Krankenhaus eingeliefert. Verwenden konnten wir letztendlich nur 2 Embryonen. Nach dem Transfer reagierte mein Körper mit einer Art Abstoßreaktion und ich verbrachte die Nacht gekrümmt vor Schmerzen über der Waschmaschine.

Bei der 2. Entnahme (14 Eizellen) wurde ich verletzt. Zu Hause hatte ich dieselben Symptome wie bei der 1. ICSI, weshalb wir zögerten den Notarzt zu rufen. Damals dachte ich „das kann nicht schon wieder so schlimm werden…das kann nicht schon wieder passieren“.
Leider wurde es sehr schlimm. So schlimm, dass mein Körper die Schmerzen nicht aushielt und ich bewusstlos wurde. Wir berichteten dem Notarzt vom Verdacht der Überstimulation. Dieser hatte im Krankenhaus aber eine Intuition und ließ mich sofort gründlich checken. Ich hatte innere Blutungen – ich wurde bei der Entnahme verletzt. Letztendlich verlor ich mehrere Liter Blut und musste auf der Stelle notoperiert werden.

Das Krankenhaus habe ich mit 3 Narben am Unterleib verlassen. Wir haben danach eine lange Behandlungspause gemacht, damit ich mich erholen konnte. Mein Körper musste das Blut nachbilden und ich hatte über Monate sehr starke Schmerzen und Beeinträchtigungen…

ABER: Ich erinnere mich sehr genau an den Moment im Krankenhaus, als mein Mann mich wieder besuchen durfte. Es war auch der Tag, an dem wir erfuhren, wie viel Eizellen befruchtet wurden.

Ich weiß noch, wie ich in diesem Krankenhausbett liege, verzweifelt weine und zu ihm sage ….“bitte hab gute Nachrichten“ – und er sagt zu mir ….“ja – es konnten 10 Eizellen erfolgreich befruchtet werden….“ 💙

Das Wunder

Mit den verbliebenen befruchteten Eizellen wollten wir es versuchen. Nach den starken Komplikationen hatte ich beschlossen, den Prozess nicht noch mal von Anfang an über mich ergehen zu lassen und wir gingen positiv und zuversichtlich in den Transfer. Danach fuhren wir direkt in den Urlaub – ich ließ den Bluttest sausen, wollte alles so natürlich wie nur irgendwie möglich halten.

und….heute bist du 18 Monate alt.

So viele Morgen durften wir schon aufwachen und in dein lächelndes Gesicht schauen. Wie du da liegst und mit deinem Stoffdino brabbelst. Jeden Tag verabschiede ich dich in die Nacht mit „Danke, dass du da bist. Ich liebe dich. Wir sehen uns morgen früh.“

Keinen Tag habe ich bisher den Weg vergessen und mit Sicherheit werde ich die Schmerzen und die Verzweiflung nie vergessen. Aber ja, mit jedem Lächeln von dir, mit jedem Vollsabbern meiner Schulter und mit jedem instinktiven Vertrauen, mit dem du mich anschaust, gibst du mir alles zurück – gibst du uns alles zurück.

Keiner ist selbstverständlich, aber du bist weitaus mehr für uns als unser allergrößter Schatz. Du bist unser Mut, unser Kampfgeist, unser Mit-Dem-Kopf durch die Wand, all unsere Liebe. Du bist all unsere guten Eigenschaften.

❤️Ihr Lieben – ich hoffe, dass ich euch Mut, Zuversicht & Kraft schicken kann. Ich kenne jede Faser dieses Prozesses. 

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